Besinnung

Die Kraft der Schwachen

Jesus Christus spricht:
Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.
2. Korinther 12,9 Jahreslosung 2012:

So gibt es den wohl nicht mehr: den „Dorftrottel“ aus alten Zeiten. Leider. Nicht weil es keine Trottel mehr gäbe, sondern eher weil es das Dorf so nicht mehr gibt. „Big Bob“ war so etwas wie die gute Seele unseres kanadischen Dorfes weit ab von der Zivilisation hinter dem Küstengebirge Britisch Kolumbiens. Big Bob war vor allem BIG. Mindestens zwei Meter groß und geschätzte 200 Kilo schwer. Das hat ihn aber nicht davor bewahrt, auch von ganz kleinen Geistern gehänselt zu werden. Er schien sich daraus nichts zu machen, war immer freundlich und zuvorkommend. Vor der Schule, während der Pausen und nach der Schule stand er immer am Zebrastreifen und passte auf, damit die ganz Kleinen – falls sich ein Auto in die Nebenstraße der Schule verirren sollte – gut über die Straße kamen. Er intervenierte (mit Billigung der Schulleitung) auf dem Pausenhof, wenn die Großen die Kleinen piesackten und hatte immer ein gutes Wort für die Kinder, die alleine abseits standen oder von ihren Mitschülern geschnitten wurden. Woher er kam, war nicht bekannt, und als ich nach der Schule den Ort verließ, ist er auch irgendwo anders hin gegangen – seine Spur hat sich verloren. Aber ein paar Jahre lang war er dem ganzen Dorf bekannt – so eine Art Maskottchen der etwa 800 Einwohner von Lillooet, einem Ort entlang einer Durchgangsstraße, der nichts mehr von seinem früheren Glanz an sich hatte, als er 100 Jahre zuvor während des „Gold Rush“ die größte Stadt nördlich von San Francisco und westlich von Chicago war.

Big Bob ging auch zu uns in die Gemeinde. Er ging nicht nur sonntags in den Gottesdienst und abends in die evangelistisch gehaltene Veranstaltung. Er gehörte zu den ganz wenigen, die mittwochabends auch in den Gebetskreis gingen. Gerade deshalb ist er mir nach 40 Jahren noch in besonderer Erinnerung geblieben.

Von Big Bob habe ich bei diesen Gebetsversammlungen etwas Entscheidendes gelernt. Er war nicht nur geistig ein Kind von neun oder zehn Jahren geblieben (nach Auskunft des Schuldirektors), er ist es auch geistlich geblieben. Er hat sich nie an dem „Gebetstratsch“ beteiligt („Wir müssen unbedingt für die- oder denjenigen beten, ihr habt doch sicher gehört…“), dafür aber hat er inbrünstig und vertrauensvoll gebetet, so, als ob er damit rechnete, dass Gott seine Gebete erhört.

Das für mich entscheidende Erlebnis mit ihm hatte ich an einem Abend, als jemand ihn wohl besonders wegen seiner Einseitigkeit bedauerte. Ganz ruhig und gefasst sagte Big Bob in die Runde: "Ich weiß, dass ich nicht klug bin. Ich weiß sogar so viel, dass ich dumm bin. Aber ich weiß auch, dass ich ein Kind Gottes bin und dass mein himmlischer Vater mich liebt, gerade so wie ich bin.“ Eine bessere Predigt in zwei Sätzen habe ich weder vorher noch nachher gehört, geschweige denn gehalten (nur Forrest Gump kommt einmal nah dran).

„Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“ Das sagt uns Christus in der Jahreslosung 2012. Es gab zeitweise erstaunlich belesene und intelligente Menschen in unserer Gemeinde (die Kommune als solche galt eher als Ort, wo gescheiterte Existenzen nochmal eine letzte Chance bekamen), aber von denen ist mir kein einziger Satz in Erinnerung geblieben, der mich ähnlich bewegt hätte. Es beliebt Gott sich der Schwachen und Geringen zu bedienen, wenn er etwas in dieser Welt erreichen will.

Schon in seinem ersten Brief an die Gemeinde in Korinth legt Paulus der Gemeinde diesen göttlichen Grundsatz vor:
„Nicht viel Weise nach dem Fleisch, nicht viel Gewaltige, nicht viel Edle sind berufen, sondern was töricht ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, dass er die Weisen zuschanden mache; und was schwach ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, dass er zuschanden mache, was stark ist;  und das Unedle vor der Welt und das Verachtete hat Gott erwählt, und das da nichts ist, dass er zunichte mache, was etwas ist, auf dass sich vor ihm kein Fleisch rühme.“

Dr. Paul Murdoch, Pfarrer und Studienleiter am Albrecht-Bengel-Haus in Tübingen